Dresden 2010 Blockadesong
Zwitschern um gehoert zu werden
WG mit einem Serverraum und Standleitung lebe, wo die Augen der
Mitbewohner strahlen, wenn wieder jemand aus der Ferne einen von
diesen lauten Servern anmacht und nochmals betont wird, das man ja
ein "Schraega 29 und 27 habe" und es doch eigentlich toll waere, wenn
man "die gottorp noch an das AS angebunden bekomme".
Nein, jetzt haben mich die Mitbewohner auch soweit, das ich - um
ueberhaupt noch sinnvoll wahrgenommen zu werden - angefangen hab
zu twittern. In den Zeiten wo selbst die NWZ twittert, muss ich nicht
erklaeren, was es hiermit auf sich hat, oder?
Ab sofort also rechts in der Leiste oder eben hier direkt.
Zuwachs in der Gottorp
Sand
Mein Mitbewohner tobt. Er hasst Sand. Und er hat Recht, der Sand ist ueberall.
Selbst in den eigentlich nicht betroffenen Zimmern knirscht es unter den Fuessen.
"Man Martin" - jetzt klingt er wirklich genervt - "Warum? Kannst du Dich nicht wie
jeder sonst hier einfach in Kneipen verabreden? Hattest du wenigstens Spass?"
Jetzt missversteht er meine Situation. Und SO viel Sand ist es nun auch nicht.
Es ist ja nicht so, dass ich hier einen Strand aufgemacht haette, sondern
lediglich ein paar Kruemel, vielleicht auch eher Haeufchen, die aus meinem Rucksack kamen.
"Mmh. Spass?" Jetzt muss ich aufpassen. Wenn ich jetzt nicht gleich die
Kurve bekomme, nimmt das Gespraech seine ueblichen Bahnen an. Mein Mitbewohner
ist Realist. Ich auch, eben nur auf eine andere Art.
"Hast Du das mit Kirsten jetzt endlich geklaert?" Und schon sitz’ ich in der Falle.
"Mmh. Wir haben uns lange und gut unterhalten."
"Das war nicht meine Frage. Bist Du mit Kirsten jetzt weiter?"
Dass er auch immer so direkt ist. Und was heisst hier ueberhaupt ‘weiter’?
"Mmh. Naja, wir sassen zum Schluss am Meer und…" fange ich an und haette dabei
eigentlich genausogut eine weisse Fahne schwenken koennen. Es ist klar, gleich
werde ich von ihm auseinandergenommen.
"Wie machst Du das eigentlich? Ihr sitzt am Meer, trinkt Wein. Lass’ mich raten: Du
hattest eine Kerze dabei und Du kommst keinen Schritt weiter?"
Schon wieder dieses Wort ‘weiter’.
Er hat Recht. Wobei: an sich bin ich schon weiter gekommen. Eben nur nicht
in der klaerenden Art und Weise. Kirsten ist ein Haertefall. Entweder sie will
absolut rein gar nichts von mir oder sie ist noch eine ganze Ecke schuechterner als ich.
So zumindest komplett aufs Wesentliche reduziert. Eine Reduzierung, der ich
mich auch eigentlich verweigere, denn weitergekommen bin ich schon,
jedoch in die falsche Richtung.
Anstatt Dinge zu klaeren und Tatsachen zu schaffen (geht das ueberhaupt in
einer solchen Situation?), hab ich mehr Sachen entdeckt, die ich an Kirsten spannend
finde. Dies sollte ich jedoch jetzt besser nicht auch noch anbringen.
"Martin, Du bist nicht schuechtern" reisst mich die Stimme aus der Kueche
aus meinen Gedanken. "Wovor hast Du eigentlich Schiss?".
Oh nein, nicht die Frage. "Dass Du Dich zum Affen machst?" Da liegt er schon nicht
ganz falsch. Die Stimme kommt naeher.
"Mal ehrlich, wir haben alle schon Koerbe kassiert". Jetzt kommt der mir auch noch
damit. Er stellt sich in meine Zimmertuer. Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass er
mir auch noch mit der ‘Du bist der tolle Hecht und wenn Sie nicht will - selbst schuld’-
Theorie kommt. Auch ganz beliebt.
Mathelehrer von einem der Herren Mitbewohner immer gesagt. Der gleiche Mathelehrer
dem wir es auch zu verdanken haben, dass wir regelmaessig den Spruch "Wer zu
spaet kommt, den bestraft das Leben" zu hoeren bekommen. Aber den hat er selbst
nur geklaut, stammt naemlich eigentlich von Gorbatschow.
Diese Geschichte ist eigentlich keine Wiederholung, nur die Treffen an sich. Mit
dem Ergebniss, dass ich hinterher jedesmal noch verwirrter bin als vorher.
"Martin, antwortest Du mir auch?" Jetzt wird er zickig und bohrt. Das Einzige,
was mir jetzt noch fehlt, ist (abseits all der anderen Dinge)…und da hoere ich auch
schon die Tuer. Jetzt bekommt er auch noch Verstaerkung.
"Gerd ist immer noch ‘missing in action’?" klingt es vom Eingang.
"Ja, aber hier geht es grad’ um Martin und seine Fortschritte bei Kirsten".
"Alter Hut, ich frag’ mich, was wohl mit Gerd ist".
"Der hat sich aus den Staub gemacht, bevor unser Bad zum Stadtstrand erklaert wurde".
Mitbewohner unter sich. Aber schoen, dass meine Probleme und mein Leben mehr zu
bieten haben als unser verschwundener Schuster aus dem Bad. Ich versuche mich aus
der Affaere zu ziehen, wenig vielversprechend angesichts der Tatsache, dass meine
Zimmertuer durch einen der Mitbewohner versperrt ist.
"Martin, ich faend’s ja schon noch spannend, von gestern Abend zu hoeren", werde ich
daran erinnert, dass ich nie zu Ende erzaehlt hab.
"Hast du wenigstens mal den Arm um Sie gelegt oder gab es irgendeine Naeherung?"
Arg. Jetzt faengt auch der zweite Mitbewohner an, direkt Volltreffer zu landen und gesellt
sich auch noch in meine Zimmertuer. Die beiden dort, ich mit dem Rucksack in der Hand,
unter dem Rucksack auf dem Fussboden ein kleiner Haufen Sand.
"Das hat sich nicht ergeben", druckse ich rum.
"Sowas ergibt sich immer, zur Not hat sich der Arm verlaufen".
So langsam stinken mir deren Ratschlaege.
Geschichten
Aber eine echte Geschichte, das ist was.
Labern, Blafasel, der - paedagogische - erhobene Zeigefinger, die Moral von
der Geschichte, auch etwas was allzu leicht faellt, tut es jedoch wirklich Not?
Eine echte Geschichte. Nein, das ist nicht leicht.
Komm lieber mit uns mit, etwas besseres als den Tod findest du ueberall.
Ein guter Anfang. Losziehen, morgen morgen, eine Reflexion auf Geschehenes,
nicht bereuend und keinesfalls abrechnend, motivierend, Mut gebend, sicherlich
unterhaltend. So muss es seine Art haben.
Das Leben ist zu guten Teilen dazu da, mich zu unterhalten.
Ein Satz mal gehoert, leicht missverstanden, laenger betrachtet und nicht aus
dem Kontext gerissen, auf einmal sehr wahr und weise?
Wahr, sicherlich. Weise? Nein, dies Wort will man in diesem Zusammenhang nicht
verwenden. Weise, unterhaltend und Geschichte in einem Kontext. Das geht schief.
Eine Geschichte ist nicht dazu da weise zu sein, sie soll unterhalten.
Natuerlich ist es erwuenscht, das der Leser oder Hoerer Erfahrungswerte mitnimmt,
aber deswegen will man ja noch lange nicht philosophieren. Das Koernchen Wahrheit,
ein Nutzwert, vielleicht auch tief versteckt eine Moral, doch wem bringt die Moral
von der Geschicht etwas, wenn nichtmal geschmunzelt wird.
Gerd
gespraechig, aber das ist er eigentlich nie. Aber heute, heute schweigt
er nicht nur, er starrt mich an.
Jeden Morgen das gleiche Spiel. Jeden Morgen haben wir diesen Moment,
Macht er das eigentlich mit Absicht. Vielleicht geniesst er auch nur
die Aufmerksamkeit. Oder er vergisst zwischen den gestern und heute
was schon so haeufig passiert ist. Waere ich Paedagoge, ich wuerd
vielleicht mit ihm darueber diskutieren, das dies der falsche Ort, falsche
Moment und definitiv zu frueh ist.
Gut, also das gleiche Spiel wie gestern. Ich stelle das Wasser von der
Dusche ab und versuche Gerd davon zu ueberzeugen, das es vielleicht doch
besser waere, die Wanne zu verlassen. Also doch ein Anflug von Paedagogik.
Starrt auf das Wasser, oder auf mich? Den Fakt das wir beide nackt sind ignoriert er.
Wie jeden Morgen gelingt es mir dann nach mehreren Minuten Gerd unbeschadet
aus der Wanne zu bekommen. Wie jeden Morgen faengt er, sobald ich mit der
Rettungsmission beginne, an auf eigene Faust aus der Wanne fliehen zu wollen und
Mit seinen filigranen sechs Beinen, oder sind es acht, unglaublich, das kann
Wie jeden Morgen setze ich ihn in die andere Ecke des Bades und denke
mir noch wie er es wohl binnen eines Tages schafft, so zielstrebig wieder
dort hinzuwandern.
Ich sitz im Bad. Wieder ein Morgen und ich denke darueber nach, wie gleich
Supabond - 1080 Spuren
Mal was aus einer etwas anderen Kategorie. Stichwort: Platten-Review.
Aus Zufall bin ich neulich über die Band Supabond gestolpert. Die haben auf dem Tribut-Sampler für Slime mit dem Titel Alle gegen Alle das Slime Stück "Alptraum" gespielt. Aufgefallen ist das Stück insbesondere durch die markate Frauenstimme. Von der Art reiht sich der Gesang ein mit Bands wie The Van Dogs (leider nicht mehr aktiv) und der wesentlich bekannteren Combo Tilt (dittor, leider nicht mehr aktiv).
Ich hab mir daraufhin deren aktuelle Platte, 1080 Spuren bestellt und bin auch hiervon sehr begeistert. Aktuell war Supabond im Studio, man kann sich also auf das Resultat schon freuen. Das Plastic Bomb fanzine (welches ich im Gegensatz zum ox nicht regelmäßig konsumiere) hatte vor einiger Zeit ein Interview mit der Sängerin Suse, welches hier über die Supabond Seite erhältlich ist.
Rueckblickend?
Manchmal gut, immer wichtig, haeufig laestig?
"Aber wenn Du zurueck schaust, ist da nicht auch viel, was Du
lieber verstecken wuerdest?" fragt mich Frank. Passt gar nicht zu
Frank, ich bin ueberrascht.
"Nein, ich schaue auf die Sachen zurueck und wenn ich merke, dass
gewisse Sachen nicht so genial waren, dann weiss ich, dass ich ja
offensichtlich an diesen Sachen auch gewachsen bin, sonst koennte ich
jetzt nicht entsprechend reflektiert drauf zurueckschauen".
Jetzt bin ich ueber mich selbst ueberrascht. Nicht ueber den Inhalt der Aussage,
aber ueber deren Klarheit. Immer wieder ein Thema, das mich viel beschaeftigt,
wozu ich aber selten Stellung beziehe.
Fazit an dieser Stelle im Gespraech mit Frank ist, dass es am Ende ja doch nur
um die Geschichte geht. Eine gute Geschichte hat einen Spannungsbogen.
Passend aufgezogen - nicht ueberspannt.
Mit Frank Autofahren hat sich ueber die Jahre veraendert. Johanna hat
mich mal gefragt, ob wir uns eigentlich nur ueber Arbeit unterhalten.
"Erzaehlt Frank auch mal was Anderes?" So platt war das gar nicht gemeint.
Johanna wollte darauf hinaus, dass wir nie die Reden-ohne-Inhalt-Ebene
verlassen. Irgendwann haette ich ihr da auch Recht gegeben, aber schon
vor einiger Zeit hatte sich dies - in seltenen Momenten - geaendert.
Und auf einmal verbringen Frank und ich eineinhalb Stunden mit der
Diskussion um Reflektionen und Rueckblicke. Nein, das Standardbeispiel fuer
solche Gespraeche, Kontakt zu Verschlissenem, fehlte nicht. Es kam, nicht
unerwartet, recht frueh im Gespraechsverlauf.
Passend fuer dieses Thema ist natuerlich die Frage: "Und? Haettest Du im
Rueckblick etwas anders gemacht?" Und auch hier fehlt Sie nicht.
Aber bei allem Anstand, sie ist einfach voelliger Kaese.
"Nein, aber das ist auch nicht der Punkt. Ob du was anders machen wuerdest
ist rrelevant und nicht wichtig. Wichtig ist, dass man daran waechst".
Altklug. Definitiv altklug. Und besser verpackt gehoert es in Filme und
Buecher wie ‘Soloalbum’. Versteckte Zeigefingermentalitaet.
Ich bin stolz auf mich. Heute wirke ich mal souveraen. Und es ist nicht mal
aufgesetzt.
Es ist das perfekte Katergespraech. Tief, aber gleichzeitig nicht so
anstrengend, als wuerde man reale Probleme waelzen. Und wuerde Frank nicht
zwischendurch immer mal wieder kraeftig auf die Bremse treten muesste ich
nicht mal regelmaessig die Scheibe runterdrehen, um frische Luft ins Auto
zu bekommen. Natuerlich musste es auch heute so schweineheiss sein.
Und die A1 ist auch ohne die Erweiterung auf sechs Spuren fuer mich
eine Qual. Die naechste Baustelle. Stau. Ich muss aufs Klo und will rauchen -
keine gute Kombination. Da werd’ ich schnell genervt.
Ich entspanne mich bei dem Gedanken daran, dass heute Sonntag ist und ich
ausser einer Verabredung mit meinem Sessel nix mehr auf der Uhr haben muss.
Wo ich stehe, wo ich gehe
Kopfgesteuerte Strahlen
"Und das muss Johanna sein?"
"Nein, eher so generell".
"Na, siehste. Dann biste doch eigentlich drueber hinweg. Wird also Zeit das du dich mal wieder unter Leute begibst."
Laenger hatte aber auch nicht wirklich Not getan.
Frank schaut mich an. In zehn Sekunden hab ich grad nochmal drei Jahre durchlebt.
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