Zwitschern um gehoert zu werden

Angelegt von martin Thu, 11 Feb 2010 23:13:00 GMT

Jetzt ist es also doch so weit gekommen. Nicht genug, dass ich in einer
WG mit einem Serverraum und Standleitung lebe, wo die Augen der
Mitbewohner strahlen, wenn wieder jemand aus der Ferne einen von
diesen lauten Servern anmacht und nochmals betont wird, das man ja
ein "Schraega 29 und 27 habe" und es doch eigentlich toll waere, wenn
man "die gottorp noch an das AS angebunden bekomme".
Nein, jetzt haben mich die Mitbewohner auch soweit, das ich - um
ueberhaupt noch sinnvoll wahrgenommen zu werden - angefangen hab
zu twittern. In den Zeiten wo selbst die NWZ twittert, muss ich nicht
erklaeren, was es hiermit auf sich hat, oder?

Ab sofort also rechts in der Leiste oder eben hier direkt.

 

Sand

Angelegt von martin Wed, 23 Dec 2009 00:49:00 GMT

"Ueberall Sand. Ich werd’ echt bekloppt. Alter, was hast du gemacht?!?"
Mein Mitbewohner tobt. Er hasst Sand. Und er hat Recht, der Sand ist ueberall.
Selbst in den eigentlich nicht betroffenen Zimmern knirscht es unter den Fuessen.

"Man Martin" - jetzt klingt er wirklich genervt - "Warum? Kannst du Dich nicht wie
jeder sonst hier einfach in Kneipen verabreden? Hattest du wenigstens Spass?"
Jetzt missversteht er meine Situation. Und SO viel Sand ist es nun auch nicht.
Es ist ja nicht so, dass ich hier einen Strand aufgemacht haette, sondern
lediglich ein paar Kruemel, vielleicht auch eher Haeufchen, die aus meinem Rucksack kamen.

"Mmh. Spass?" Jetzt muss ich aufpassen. Wenn ich jetzt nicht gleich die
Kurve bekomme, nimmt das Gespraech seine ueblichen Bahnen an. Mein Mitbewohner
ist Realist. Ich auch, eben nur auf eine andere Art.

"Hast Du das mit Kirsten jetzt endlich geklaert?" Und schon sitz’ ich in der Falle.
"Mmh. Wir haben uns lange und gut unterhalten."
"Das war nicht meine Frage. Bist Du mit Kirsten jetzt weiter?"
Dass er auch immer so direkt ist. Und was heisst hier ueberhaupt ‘weiter’?
"Mmh. Naja, wir sassen zum Schluss am Meer und…" fange ich an und haette dabei
eigentlich genausogut eine weisse Fahne schwenken koennen. Es ist klar, gleich
werde ich von ihm auseinandergenommen.
"Wie machst Du das eigentlich? Ihr sitzt am Meer, trinkt Wein. Lass’ mich raten: Du
hattest eine Kerze dabei und Du kommst keinen Schritt weiter?"
Schon wieder dieses Wort ‘weiter’.

Er hat Recht. Wobei: an sich bin ich schon weiter gekommen. Eben nur nicht
in der klaerenden Art und Weise. Kirsten ist ein Haertefall. Entweder sie will
absolut rein gar nichts von mir oder sie ist noch eine ganze Ecke schuechterner als ich.
So zumindest komplett aufs Wesentliche reduziert. Eine Reduzierung, der ich
mich auch eigentlich verweigere, denn weitergekommen bin ich schon,
jedoch in die falsche Richtung.
Anstatt Dinge zu klaeren und Tatsachen zu schaffen (geht das ueberhaupt in
einer solchen Situation?), hab ich mehr Sachen entdeckt, die ich an Kirsten spannend
finde. Dies sollte ich jedoch jetzt besser nicht auch noch anbringen.

"Martin, Du bist nicht schuechtern" reisst mich die Stimme aus der Kueche
aus meinen Gedanken. "Wovor hast Du eigentlich Schiss?".
Oh nein, nicht die Frage. "Dass Du Dich zum Affen machst?" Da liegt er schon nicht
ganz falsch. Die Stimme kommt naeher.
"Mal ehrlich, wir haben alle schon Koerbe kassiert". Jetzt kommt der mir auch noch
damit. Er stellt sich in meine Zimmertuer. Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass er
mir auch noch mit der ‘Du bist der tolle Hecht und wenn Sie nicht will - selbst schuld’-
Theorie kommt. Auch ganz beliebt.
 
"Geschichte wiederholt sich", ein Lieblingszitat in unser WG. Hat wohl der fruehere
Mathelehrer von einem der Herren Mitbewohner immer gesagt. Der gleiche Mathelehrer
dem wir es auch zu verdanken haben, dass wir regelmaessig den Spruch "Wer zu
spaet kommt, den bestraft das Leben" zu hoeren bekommen. Aber den hat er selbst
nur geklaut, stammt naemlich eigentlich von Gorbatschow.
Diese Geschichte ist eigentlich keine Wiederholung, nur die Treffen an sich. Mit
dem Ergebniss, dass ich hinterher jedesmal noch verwirrter bin als vorher.

"Martin, antwortest Du mir auch?" Jetzt wird er zickig und bohrt. Das Einzige,
was mir jetzt noch fehlt, ist (abseits all der anderen Dinge)…und da hoere ich auch
schon die Tuer. Jetzt bekommt er auch noch Verstaerkung.

"Gerd ist immer noch ‘missing in action’?" klingt es vom Eingang.
"Ja, aber hier geht es grad’ um Martin und seine Fortschritte bei Kirsten".
"Alter Hut, ich frag’ mich, was wohl mit Gerd ist".
"Der hat sich aus den Staub gemacht, bevor unser Bad zum Stadtstrand erklaert wurde".

Mitbewohner unter sich. Aber schoen, dass meine Probleme und mein Leben mehr zu
bieten haben als unser verschwundener Schuster aus dem Bad. Ich versuche mich aus
der Affaere zu ziehen, wenig vielversprechend angesichts der Tatsache, dass meine
Zimmertuer durch einen der Mitbewohner versperrt ist.

"Martin, ich faend’s ja schon noch spannend, von gestern Abend zu hoeren", werde ich
daran erinnert, dass ich nie zu Ende erzaehlt hab.
"Hast du wenigstens mal den Arm um Sie gelegt oder gab es irgendeine Naeherung?"
Arg. Jetzt faengt auch der zweite Mitbewohner an, direkt Volltreffer zu landen und gesellt
sich auch noch in meine Zimmertuer. Die beiden dort, ich mit dem Rucksack in der Hand,
unter dem Rucksack auf dem Fussboden ein kleiner Haufen Sand.

"Das hat sich nicht ergeben", druckse ich rum.
"Sowas ergibt sich immer, zur Not hat sich der Arm verlaufen".

So langsam stinken mir deren Ratschlaege.

 

 

Rueckblickend?

Angelegt von martin Tue, 16 Jun 2009 22:22:00 GMT

Reisen in die Vergangenheit.
Manchmal gut, immer wichtig, haeufig laestig?

"Aber wenn Du zurueck schaust, ist da nicht auch viel, was Du
lieber verstecken wuerdest?" fragt mich Frank. Passt gar nicht zu
Frank, ich bin ueberrascht.

"Nein, ich schaue auf die Sachen zurueck und wenn ich merke, dass
gewisse Sachen nicht so genial waren, dann weiss ich, dass ich ja
offensichtlich an diesen Sachen auch gewachsen bin, sonst koennte ich
jetzt nicht entsprechend reflektiert drauf zurueckschauen".
Jetzt bin ich ueber mich selbst ueberrascht. Nicht ueber den Inhalt der Aussage,
aber ueber deren Klarheit. Immer wieder ein Thema, das mich viel beschaeftigt,
wozu ich aber selten Stellung beziehe.
Fazit an dieser Stelle im Gespraech mit Frank ist, dass es am Ende ja doch nur
um die Geschichte geht. Eine gute Geschichte hat einen Spannungsbogen.
Passend aufgezogen - nicht ueberspannt.

Mit Frank Autofahren hat sich ueber die Jahre veraendert. Johanna hat
mich mal gefragt, ob wir uns eigentlich nur ueber Arbeit unterhalten.

"Erzaehlt Frank auch mal was Anderes?" So platt war das gar nicht gemeint.
Johanna wollte darauf hinaus, dass wir nie die Reden-ohne-Inhalt-Ebene
verlassen. Irgendwann haette ich ihr da auch Recht gegeben, aber schon
vor einiger Zeit hatte sich dies - in seltenen Momenten - geaendert.
Und auf einmal verbringen Frank und ich eineinhalb Stunden mit der
Diskussion um Reflektionen und Rueckblicke. Nein, das Standardbeispiel fuer
solche Gespraeche, Kontakt zu Verschlissenem, fehlte nicht. Es kam, nicht
unerwartet, recht frueh im Gespraechsverlauf.

Passend fuer dieses Thema ist natuerlich die Frage: "Und? Haettest Du im
Rueckblick etwas anders gemacht?" Und auch hier fehlt Sie nicht.
Aber bei allem Anstand, sie ist einfach voelliger Kaese.
"Nein, aber das ist auch nicht der Punkt. Ob du was anders machen wuerdest
ist rrelevant und nicht wichtig. Wichtig ist, dass man daran waechst".
Altklug. Definitiv altklug. Und besser verpackt gehoert es in Filme und
Buecher wie ‘Soloalbum’. Versteckte Zeigefingermentalitaet.

Ich bin stolz auf mich. Heute wirke ich mal souveraen. Und es ist nicht mal
aufgesetzt.

Es ist das perfekte Katergespraech. Tief, aber gleichzeitig nicht so
anstrengend, als wuerde man reale Probleme waelzen. Und wuerde Frank nicht
zwischendurch immer mal wieder kraeftig auf die Bremse treten muesste ich
nicht mal regelmaessig die Scheibe runterdrehen, um frische Luft ins Auto
zu bekommen. Natuerlich musste es auch heute so schweineheiss sein.
Und die A1 ist auch ohne die Erweiterung auf sechs Spuren fuer mich
eine Qual. Die naechste Baustelle. Stau. Ich muss aufs Klo und will rauchen -
keine gute Kombination. Da werd’ ich schnell genervt.
Ich entspanne mich bei dem Gedanken daran, dass heute Sonntag ist und ich
ausser einer Verabredung mit meinem Sessel nix mehr auf der Uhr haben muss.

 

Kopfgesteuerte Strahlen

Angelegt von martin Fri, 08 May 2009 18:22:00 GMT

Strahlen. Musik. Sonnenstrahlen. Schlechte Laune, gute Laune. Das - wohl uebliche - Wechselspiel.
Erstaunlich wie man sich mit Musik selbst bescheissen kann. Gute Laune.
 
"Das ist das Problem an uns Maennern. Kopfgesteuert". 
Nette Zusammenfassung eines Problems - welches eigentlich keines ist.
Frank ist abgeklaert. Hat dieser Mensch eigentlich nie Frauen Probleme?
 
"Aber wir fahren nur bis zur Tanke hinter der Grenze".
Spielverderber. Aber was will man auch sonst in Tschechien?
Bier. Tanken. Zigaretten kaufen. Die Tour dauert 10 Minuten, dann sind wir an der besagten Tanke und Frank hat mein komplettes Problem analysiert.
 
Ich werde mal wieder von meinen Traeumen genervt. Erzaehle Frank davon. Fuer ihn scheint das alles sonnenklar - fuer mich nicht.
 
Aufwachen. Johanna da. Johanna weg. Wasn’ Kack.
 
"Es geht dir gar nicht um Johanna. Was fehlt dir denn?"
"Naja, das Abends nicht alleine einschlafen ist so eine Sache die vermiss ich schon."
"Und das muss Johanna sein?"
"Nein, eher so generell".
"Na, siehste. Dann biste doch eigentlich drueber hinweg. Wird also Zeit das du dich mal wieder unter Leute begibst."
 
Wow. ein Dialog - kuerzer haette er bei dieser Thematik eigentlich nicht sein koennen.
Laenger hatte aber auch nicht wirklich Not getan.
 
Das meine Versuche genau dies zu aendern, furchtbar daneben gingen, will ich Frank nicht schon wieder unter die Nase reiben. Aber das war auch alles eher ein Griff ins Klo - schoener ausgedrueckt - eine Farce.
 
Auf der Hinfahrt warten nichtmal Grenzer auf uns. Schengen ist schon weit gekommen. Vor zwei Jahren haben Sie mir hier wenigstens noch das Auto auseinander genommen. Waehrend ich also noch ueberlege, wie ich unseren Aufenhalt in Tschechien verlaengern koennte, bezahlt Frank schnell an der Tanke.
 
Vor zwei Jahren sah meine Welt auch noch sehr anders aus. Auswandern, das war der Gedanke damals. Haetten wir vielleicht machen sollen, ob das was geaendert haette - ich bezweifel es.
 
Erlebt man in Trauemen manchmal die Alternativpfade die es im Leben haette geben koennen? Eigentlich eine spannende Idee. Dann jedenfalls bin ich froh, das ich nicht diese Alternativ-Pfade genommen hab.
Es sah alles mal ganz anders aus. Haus. Gedanken an Kinder. Immer wieder Ihre nervende Eltern: "Nun kauft doch endlich das Haus". Ich bin zudem Zeitpunkt - dem Himmel sei Dank - stark geblieben. Die Idee auch noch son Haus an der Backe zu haben. Kinder, Haus, so schlecht klang das alles mal gar nicht. Im Nachhinein haette es vieles komplizierter gemacht. puh. Der Seufzer entfaehrt mir laut.
Frank schaut mich an. In zehn Sekunden hab ich grad nochmal drei Jahre durchlebt.
 
Auch auf der Rueckfahrt keine Grenzer. Schade, ich hatte mich schon drauf gefreut an der Grenze verschmitzt zu grinsen und mit Peter Tosh aus der Anlage auf Breit zu tun. Nun ja, dieser Spass ist mir also heute nicht gegoennt. An der hollaendischen Grenze waere es spannender gewesen, aber ich muss mich ja in der Oberpfalz rumtreiben.
 

Mundhygiene

Angelegt von martin Sat, 21 Mar 2009 18:17:00 GMT

"Viel Spass mit Martin". Ich starre auf die Packung. Da steht in einer mir doch
sehr vertrauten Handschrift dieser Satz:

"Viel Spass mit Martin"

Schade, das ich es nicht bin, der hier jetzt Spass hat. Die Packung ist nicht in
meiner Hand, Sie haelt sie mir vor die Nase.

"Wer hat denn die Zahnbuersten gekauft?"

Ugh. Schlechte Frage. Ich haette ihr die Blaue geben sollen, aber ich bin ja so
schoen berechenbar und deswegen haelt Sie jetzt auch die eingepackte gruene
Zahnbuerste samt Packung in der Hand beziehungsweise mir vor die Nase.

"Viel Spass mit Martin". In einer weiblichen Handschrift. Das ich das da
nicht als Gag fuer Sie (haha) draufgeschrieben hab, war auch klar.

Das Bett war frischbezogen, die Flasche am Bett hatte frisches Wasser,
Aschenbecher auch weit genug unters Bett geschoben und jetzt diese
Zahnbuerste. Sie meine Zahnbuerste benutzen zu lassen, haette weniger
Punktabzug gegeben.

Wenigstens hatte die Quelle meiner Zahnbuersten nicht noch versucht,
die Person direkt zu adressieren. Das waere in diesem Fall komplett
daneben gegangen. Ich schaue von der Packung zu der Person die zur Hand
mit der Packung gehoert und wieder zur Packung.
Nein, Kathrin haette es noch weniger gefallen, haette dort gestanden:

"Meike, viel Spass mit Martin"

Wie schaut man nochmal verdutzt und betroffen? Mein Gesicht und mein
Gehirn versuchen erfolglos miteinander zu kommunizieren.

Ich waere ja vorher schon beinahe aufgeflogen. "Auf der Waschmaschine
liegt eine neue Zahnbuerste"

"Warum hast du den da zwei neue liegen?"

Naja, das war ja noch leicht erklaert.

"Tut mir leid, sind leider keine Weichen".

"Haeh? Wieso, hier steht doch drauf: Sanft"

Sowas. Aber dann kam die Rueckseite der Packung.

"Viel Spass mit Martin"

Heute wohl eher nichtmehr.


 

Bis dann

Angelegt von martin Tue, 20 Jan 2009 23:28:00 GMT

 

Blauer Himmel. Klasse. Kater? Noch ein wenig vorhanden, vielleicht
aber auch noch nicht ganz angekommen.
Restalkohol? Definitiv.
Ansonsten koennte ich jetzt klar denken, aber das waere in dieser Situation fatal.
 
"Immer diese betrunkenen Idioten, die am naechsten Tag nicht wissen,
was sie geredet haben." Ich bin still, auf dem Sofa in der Kueche.
Vielleicht merkt ja keiner, das ich heute in diese Schublade gehoere.
 
Ich versuche es mit meiner starken Seite, Humor:
"Was meint ihr warum ich so still bin?".  Stille.
Bin mir nicht sicher, ob das geklappt hat.
Ok, eigentlich brauche ich Hilfe, aber keine in Sicht. Stille in der WG Kueche.
Keine Freunde selbstkritischen Humors. Also: Weiterhin Mund halten.
 
Die Situation ist schnell umrissen.
 
WG Kueche. Mitbewohner. WG Party. Meike. Ich.
 
Und ob ich in diesem Moment hier am richtigen Ort bin, da bin ich mir auf einmal
auch nicht mehr ganz sicher.  Der Kater kuendigt sich in der Ferne an.
 
Den Morgen danach bei WG Parties mitzunehmen hat was, die Stimmung in solchen
Gefilden kann sehr interessant sein. Das aendert sich, wenn mann eben nicht auf
dem Sofa geschlafen hat, sondern in einem Bett. Nicht allein. Und auf einmal beim
Fruehstueck die Distanz wieder da ist.
 
Zurueckspulen.
Ich steh im Bad. Welche Zahnbuerste war die, die ich letzte Nacht bekommen habe?
Ich glaube, die Blaue wars. Passt auch thematisch.
Ironischerweise sollte ich zwei Wochen spaeter rausfinden, das es die Gelbe war.
In diesem Moment jedoch streckt sich die Zeit ganz schnell ganz lang. Unentschlossen
zuckt meine Hand zwischen Gelb, Gruen und Blau. Absurd das ich in dieser
Situation an die Kindersendung im Fernsehen denke, wo man sich fuer eine von drei
Tueren entscheiden musste. Fast haehmisch hoere ich den Reim.
"Eins, Zwei oder Drei. Und ob du richtig stehst, siehst du wenn das Licht angeht".

Ein Klopfen reisst mich aus den Gedanken. "Martin?" hoere ich eine ungeduldige Stimme.
Vorspulen.
 
Derjenige der eine solche Szene schonmal erlebt hat, weiss, das es dann eigentlich ganz
schnell geht. Irgendwie gibt es eigentlich eine Menge zu sagen, doch keiner sagt was.
Oder ist eigentlich alles ganz einfach und man meint nur, das es noch was zu sagen gibt?
 
Turnschuh an und schon ist die Tuer zum Treppenhaus offen.
"Bis dann" Was fuer eine bescheuerte Verabschiedung. Die Tonwahl machte auch klar,
das es kein "Bis dann…." oder ein "Bis dann?" war.
Sondern ganz klar: "Bis dann".  Absolute Unverbindlichkeit in zwei Worten.
 
Immer noch blauer Himmel. Der Sommer faengt an. Ich sitz auf meinem Rad und fahr
durch die Stadt, zielgerichtet, doch eigentlich orientierungslos.
Langsam kommt der Kater. Eben noch kurz euphorisch gewesen, doch dann setzt
die Wirkung des "Bis dann" langsam, aber sicher, ein.

 

Rückblick

Angelegt von martin Sun, 06 Jul 2008 20:21:00 GMT

Bevor ich vor wenigen Wochen in die Gottorp 16 gezogen bin, habe ich für einige Monate in einem Haus auf dem Land gelebt. In den vier Monaten, die ich in dem Haus gewohnt habe, habe ich es auf ganze 25 Nächte gebracht, die ich tatsächlich in dem Haus geschlafen habe. Daran kann man erkennen, wie wohl ich mich dort fühlte.

Folgender Text ist zu der Zeit entstanden.

 

Definition: Verwahrlosung
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Yoghurt-Glas. Untertassen-Aschenbecher. Wollmaeuse.
Wollmaeuse. Staub. Waesche haengt zum Trocknen im Zimmer.
Bierflaschen (Becks, aber das war klar), 0.33L, stehen herum.
Nicht viele, jedoch mit genauem Augenmass genug verteilt.
Es gilt, wie so haeufig, Qualitaet nicht Quantitaet, Sinn fuer
ein solches Arrangement entwickelt man eh nur Abseits der nuechternen Denkweise.

An der Wohnungstuer klebt der obligatorische Zettel einer Nachbarin.


Hallo Martin,

Dieter bittet dich die Stuehle rauszustellen. Seine Schwester
war da und wollte die abholen.

Gruss, Ute.


Ah, also die Frau von Nebenan heisst Ute. Immerhin schonmal was.
Ute, hab ich beim Einzug schon kennengelernt. Ihr Auto stand im
Weg. 12:30, Sonntags. Da darf man klingeln.
"Wir sind grad extrem beschaeftigt", hallte es durch die Tuer.
Ich stand davor und meinte: "Ich bin Martin. Und ziehe nebenan
ein."

Viel war ich nicht hier. Das sieht man wohl. Was wohl die Nachbarn
denken, wenn Sie durch die Scheiben schauen. Eines der Probleme,
wenn das Wohnzimmer Paterre ist und man aus Kartons lebt.
Yoghurt-Glas. Untertassen-Aschenbecher. Wollmaeuse.
Wollmaeuse, aber die sieht man durch das Fenster nicht. Den Staub auch
nicht.
Waere es nicht dunkel, wuerde mir jetzt durch den Kopf gehen, das
man hoechstens den Dreck auf der Scheibe sieht. mmmh.

Gut, also die Scheiss-Stuehle rausstellen. Ob die sich wohl geaergert
hat. mmmh. Eigentlich auch egal.

Yoghurt-Glas. Untertassen-Aschenbecher. Wollmaeuse. Abwasch.
Abwasch, neben dem Essemble aus Fusswanne, in dem die Wasserhahn-
Amatur liegt. Mein Blick wandert ueber das Gesamtbild. Eigentlich ist
es auch kein Wunder, das ich die Stuehle vergessen habe. 22:58.
Morgen koennte ich mich um den Abwasch kuemmern. Ach nein. Donnerstag,
nein, da treffe ich Meike. Freitag? Da bin ich mit Steffen verabredet.
Ist auch ein wichtiger Termin. Fernseh-Trinken. Hobbies muss der Mensch
haben. Work-Life Balance, nennt man das jetzt auf Neu-Deutsch.

Samstag? Passt irgendwie auch nicht. WG-Party bei Meike.
Sonntag? Naja, schauen wir mal.

Verwahrlosung? Nein, das ist was Anderes.